Kapitel 1

Das verschwundene Spiel


Das Tablet lag flach auf dem Nachttisch, sein Bildschirm schwarz und still wie ein gefrorener Teich. Das Mädchen schlief. Das Zimmer hielt den Atem an.

Dann — ein Flackern.

Licht glitt über das Glas wie Rauch, der unter einer Tür hindurchquillt. Eine Form entstand. Ein Schatten. Etwas, das dort nichts zu suchen hatte, trieb durch die Oberfläche wie Morgennebel. Es hielt inne und schwebte über dem schlafenden Mädchen, beobachtend.

Dann sank es lautlos zurück in das Gerät.

Der Bildschirm wurde dunkel. Das Mädchen wachte nicht auf. Doch die Luft im Zimmer hatte sich verändert. Die Stille fühlte sich weniger wie Frieden an und mehr wie ein angehaltener Atem.


Liza liebte ihr Spiel.

Sie hatte es geliebt, solange sie sich erinnern konnte, was in Achtjährigen-Jahren praktisch eine Ewigkeit war. Jeden Tag nach der Schule rollte sie sich auf dem Sofa zusammen, das Tablet auf den Knien, und verschwand in eine andere Welt.

Sie baute Burgen, die bis an die Wolken reichten — echte Burgen mit Türmen, die sie fast besteigen konnte. Banner knatterten in einem Wind, den sie beinahe auf den Wangen spürte. Sie besiegte Drachen mit Schuppen wie geschmolzenes Gold, deren Brüllen das Tablet in ihren Händen erbeben ließ. Sie freundete sich mit einem Zauberer an, dessen Bart aus Sternenlicht gewoben war, und wenn er sprach, klang seine Stimme wie Winterwind durch Kiefernwipfel.

Ihr Ritter hieß Sir Gallant. Silberhelm. Ein Schwert, das Schatten zerschnitt. Wenn er an ihrer Seite ritt, konnte sie den Hufschlag fast hören. Gemeinsam hatten sie Königreiche gerettet, Schätze entdeckt und auf dem Rücken eines Greifen durch Stürme geflogen, dessen Federn nach Blitz und Regen rochen.

Liza kannte jeden Pfad, jede geheime Tür und jede verborgene Höhle. Das Spiel gehörte ihr. Jede seiner Ecken. Jede Geschichte. Jeden Stern am Himmel über dem Turm des Zauberers.

Darum konnte sie es an jenem ganz gewöhnlichen Dienstagmorgen, als sie aufwachte, kaum erwarten zurückzukehren.

Sie griff nach dem Tablet, noch vor dem Frühstück. Der Bildschirm leuchtete blau im schwachen Licht ihres Zimmers. Ihr Finger fand das Spielsymbol — das Schild mit den gekreuzten Schwertern — und tippte.

Ladebildschirm. Sie wartete und hüpfte leicht auf dem Bett.

Das Spiel öffnete sich.

Und irgendetwas stimmte nicht.

Ihr Ritter war verschwunden. An seiner Stelle stand eine Prinzessin, die Liza noch nie gesehen hatte. Ihr Kleid wechselte die Farben — Lila zu Grün, Grün zu Gold — wie Öl auf Wasser. Ihr Haar war viel zu lang und fiel über ihre Schultern hinaus, sich auf dem steinernen Burghof aufstauend. Ihre Augen glühten schwach, wie Glut hinter Glas. Sie stand im Hof von Lizas Burg, genau dort, wo Sir Gallant hätte sein sollen.

Sie lächelte.

Es war kein freundliches Lächeln. Überhaupt nicht.

Liza starrte. Ihr Daumen schwebte über dem Bildschirm. Einen Moment lang dachte sie, vielleicht habe sie aus Versehen das falsche Spiel geöffnet. Aber nein — die Burg war ihre. Der Zauberer stand am Tor. Der Greif kreiste um den Turm. Alles war an seinem Platz.

Nur ihr Ritter nicht.

Nur diese Prinzessin, die hier nichts zu suchen hatte.

Liza tippte auf den Bildschirm. Nichts geschah. Sie tippte erneut, fester. Die Prinzessin neigte den Kopf, als lausche sie etwas, das Liza nicht hören konnte. Ihr Lächeln blieb unverändert.

„Das ist doch nicht meine Figur“, flüsterte Liza. Ihre Stimme klang klein in der stillen Zimmerluft.

Sie schloss das Spiel und öffnete es erneut. Ihre Finger bewegten sich jetzt schneller, ihr Herz schlug ein wenig rascher. Der Ladebildschirm erschien. Die Musik begann — das vertraute Lied des Waldes und der Burg und des Greifen im Sturm.

Die Prinzessin war immer noch da.

Aber die Welt hatte sich verändert. Der Himmel hatte die Farbe von Blutergüssen. Das Gras war grau. Die Burgmauern lehnten sich nach innen, als wären sie es müde, noch zu stehen. Selbst der Zauberer sah falsch aus — sein Sternenlichtbart hatte sich zur Farbe von Asche verblichen.

Liza startete das Tablet neu. Sie wartete durch den Abschaltbildschirm und zählte die Sekunden. Sie drückte den Einschaltknopf. Das Logo erschien. Der Startbildschirm lud. Sie öffnete das Spiel noch einmal.

Die Prinzessin war immer noch da.


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